Interview mit Sven Semet zu Digital Leadership und Social Collaboration

Im Zeitalter der Digitalen Transformation werden Social Collaboration-Tools immer wichtiger, um effektiv und effizient über alle Kanäle zu kommunizieren. Die zeit- und auch ortsunabhängige Zusammenarbeit ist daher für die Führungskraft im digitalen Zeitalter unverzichtbar. Einer der zentralen Anbieter in diesem Bereich ist das Unternehmen IBM, das sich darüber hinaus auch mit dem Thema „Cognitive Computing“ als Bestandteil der Arbeitswelt 4.0 beschäftigt.

Mit Sven Semet, HR Thought Leader IBM Watson Talent Solutions, konnte ich über die Themen Digital Leaderhsip und Social Collaboration sprechen.


Sven, ich freue mich, dass Du Dir die Zeit für unser Gespräch nimmst. Was bedeutet „Digital Leadership“ für Dich?

Digital Leadership ist für mich eine deutlich flexiblere Methode, um Entschei­dungen zu treffen. Flexibilität gilt dabei in Bezug auf Zeit, Ort und auch Planbarkeit. Auch das agile Management spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn egal auf welchem Level ich als Führungskraft bin – im digitalen Zeitalter muss Management deut­lich flexibler sein.


Loszulassen und Vertrauen abzugeben ist eine wichtige Voraussetzung für Führung im digitalen Zeitalter


Mit welchen Herausforderungen sind Führungskräfte in der digitalisierte Arbeitswelt Deiner Erfahrung nach konfrontiert?

Im Zusammenhang mit zeit- und ortsunabhängiger Führung spielt für mich das „Loslassen“ eine zentrale Rolle. Es gibt immer noch viele Führungskräfte, die gerne Bits und Bytes mit ihren Teams diskutieren. Aus meiner Sicht ist es jedoch unabdingbar, Vertrauen in die Mitarbeiter zu haben, dass diese selbst auch in ihren Teams – egal ob unternehmensintern oder kundenseitig – die richtigen Entscheidungen treffen. Als Führungskraft muss ich hier viel mehr orchestrieren anstatt kleinteilig zu führen.

Und wie genau verändert sich dadurch das Aufgabenspektrum der „Führungskraft 4.0“?

Führungskräfte müssen in der digitalen Arbeitswelt immer mehr weg vom Ope­rativen und sich noch stärker mit strategischen Themen beschäftigen. Als Führungskraft kann ich das insbesondere schaffen, indem ich mit meinen Mitarbeitern weniger die Auf­gaben und Projekte diskutiere, sondern eher die strategischen Ziele definiere. Und das sollte ich nicht nur einmal im Jahr tun – Ziele definieren kann ich auch je nach Bedarf alle 14 Tage, alle 6 Wochen, alle 8 Wochen. Dadurch befinde ich mich mit meinen Mitar­bei­tern im kontinuierlichen Dialog und steuere vor allem über Ziele, Visionen und die Mission.


Digital Leader sollten stärker „orchestrieren“ und über Vision und Strategie steuern als kleinteilig zu führen


Obwohl wir eher über kurzfristige Ziele reden, ist SMART jedoch nicht unrelevant – allerdings müs­sen die Ziele nicht mehr so präzise definiert sein, wie das vielleicht in der Vergangenheit der Fall war. Und auch in Bezug auf die Messbarkeit sind großzügigere Freiräume für die Mitarbeiter wichtig, sodass sich das bereits erwähnte Thema Vertrauen auch hier sehr stark wiederfindet. Zusammengefasst versuchen wir somit, die Ziele eher strategisch zu formu­lieren und stärker an der Vision auszurichten sowie den einzelnen Teams hinreichende Frei­räume bei der Zieler­rei­chung einzuräumen.

Über welche Kanäle und Tools kommuniziert denn Deiner Erfahrung nach der Digital Leader?

Sicherlich spielt hier die Erreichbarkeit über unterschiedliche Kanäle eine große Rolle. Dabei sind das Telefon oder die persönliche Diskussion immer noch ein wichtiges Medium. Speziell wenn ich mit jüngeren Mitarbeitern rede, sage ich: „Wenn ihr eine Entscheidungs braucht, versucht auch weiterhin immer zuerst ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat zu führen.“ Dann kommt natürlich ganz stark die Chat-Funktionalität mit hinzu – das ist beispielsweise zur Kontaktaufnahme sehr hilfreich, um sich dann zu einem persönlichen Gespräch zu treffen, falls man vor Ort in demselben Gebäude ist. Wenn ein persönliches Gespräch nicht möglich ist, kann man natürlich auch eine Diskussion per Chat-Funktion führen. Das jeweilige Chat-Medium muss jedoch zum Kommunikationszweck passen. Ich halte beispielsweise nichts davon, Unternehmensin­terna über WhatsApp oder andere offene Tools zu kommunizieren. Für Unternehmen ist es daher ab einer gewissen Größe wichtig, eine eigene Chat-Funktionalität anzubieten, die es erlaubt, zum Beispiel Screenshots, Bilder, Videos oder Sprachnachrichten zu übermitteln. Was wir zum Beispiel auch sehr intensiv nutzen, ist ein Datentransfer oder das ge­meinsame Bearbeiten von Dokumenten, Tabellen oder Präsentationen. Anstatt die Datei hin- und herzuschicken, wird bei uns nur der Link geteilt und wir greifen alle gemeinsam auf die gleiche Datei in der Cloud zu. Das machen wir nicht nur zu zweit – in unserem wöchentlichen Teammeeting nutzen wir beispielsweise ein Dokument mit 10 bis 15 Per­sonen gleichzeitig. Hinzu kommt die Videokonferenz als weiteres wichtiges Medium, das ich aktuell jedoch nicht als zwingend notwendiges Medium erachte – definitiv in größeren Gruppen nicht, weil ein Video durchaus ablenken und verwirren kann. Im One-to-One oder mit bis zu fünf Personen ist eine Video­konferenz allerdings sicherlich zielführend.


In den letzten 3 bis 5 Jahren hat die E-Mail-Kommunikation dramatisch abgenommen


Die Kommunikation über E-Mail wird natürlich weiterhin noch Bestand haben – aber nicht mehr für die Massenkommunikation. Für gewisse Situationen, zum Beispiel beim Thema Compliance, oder wenn eine verpflichtende Dokumen­tation erforderlich ist, ist eine – auch um erweiterte Funktionen wie beispielsweise eine elektronische Unterschrift ergänzte – E-Mail sicherlich weiterhin sinnvoll. Meiner Meinung nach werden wir nicht auf dieses Medium verzichten können und wollen, aber es wird enorm in den Hintergrund rücken. Ich persön­lich erlebe in den letzten drei bis fünf Jahren einen dramatischen Rückgang der E-Mail: Mein Posteingang hat sich durch Social Collaboration oder Chats um 60 bis 70 Prozent reduziert. Im Bereich Social Collaboration lassen sich ergänzend Funktionalitäten wie beispielsweise Blogs, Fo­ren oder Wikis nutzen, mit deren Hilfe ich als Führungskraft, entweder im Team oder auch abtei­lungsübergreifend, Informationen teilen kann. Wir haben ein Netzwerk, bei dem jeder eine große Anzahl von Follower hat – dort kann ich extrem gut auch als Führungskraft meine Strategie oder Ziele verfolgen, indem ich entsprechende Beiträge selbst leiste oder Wissen teile, das ich wiederum aus meinen übrigen Kanälen bekomme. Darüber hinaus haben wir Streams und Blogs, mit denen wir unter anderem Ideen sammeln – gerade arbeiten wir zum Beispiel mit vielen Führungskräften daran, Ideen für die CeBIT 2017 zusammenzutragen und zu bewerten. Dafür nutzen wir natürlich auch die Funktionalitäten unserer eigenen Social Collaboration-Plattform IBM Connections.

Wie schätzt Du denn bezüglicher dieser Instrumente den aktuellen Entwicklungsstand in den Unternehmen ein?

Das ist aus meiner Sicht von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und hängt davon ab, wie stark dort die digitale Transformation bereits fortgeschritten ist. Einige Konzerne in Deutschland sind schon sehr weit in der Umsetzung von #ArbeitenVierNull-Initiativen. Jedoch in Unternehmen, die sich erst seit zwei oder drei Jahren damit beschäftigen, ist es eher ein Problem, da bei Mitarbeitern auf der individuellen Ebene noch keine so große digitale Affinität gegeben ist. Trotzdem treffen wir immer noch auf Unternehmen, die diese Projekte noch überhaupt nicht wirklich gestartet haben – dann ist eine längere und intensivere Diskussion notwendig, welche Maßnahmen oder Instrumente für das Unternehmen sinnvoll sind.


Noch wichtiger als die technologische Frage ist für #ArbeitenVierNull der kulturelle Wandel


Was ist aus Deiner Sicht noch zu tun, damit Digital Leadership und „Arbeiten 4.0“ in deutschen Unternehmen erfolgreich gelingen können?

Natürlich spielt in diesem Zusammenhang für viele Unternehmen die techno­lo­gische Frage weiterhin eine wichtige Rolle. Entscheidender ist jedoch aus meiner Sicht, den damit verbundene kulturellen Wandel in den Unternehmen weiter voranzutreiben und Aktivitäten zu starten, damit Initiativen wie „Working out Loud“ in den Unternehmen etabliert werden und zum anderen auch über eine Vertrauens­kultur zeit- und ortunabhängiges Arbeiten ermöglicht wird. Speziell für Wissensarbeiter sollte es meiner Meinung nach möglich sein, in Absprache mit dem Team überall arbeiten zu können. Aber auch für die „Blue Collar Worker“ müssen Freiräume geschaffen werden, damit sie sich mit Themen außerhalb des Tagesgeschäfts beschäftigen können, um Motivation und Engagement zu fördern und die Ideen der Mitarbeiter für die Weiterentwicklung des Unternehmens zu nutzen. Dafür ist entscheidend, dass die Unter­neh­mensführung nicht nur Projekte initiiert, sondern als gutes Beispiel vorweg geht und sich eine entsprechende digitale Kompetenz aneignet. Als wir vor einigen Jahren unsere digitale Transformation gestartet haben, haben wir Digital Natives als Coaches für unsere Führungskräfte eingesetzt, die unseren Geschäftsführern und Exe­cutives dabei geholfen haben, in der neuen digitalen Welt schnell zurechtzukommen. Un­sere Führungskräfte haben darauf total begeistert reagiert – allerdings haben wir auch ge­nerell eine sehr digital-affine Kultur, in der die Kompetenz einer Person für ein be­stimm­tes Thema eine weitaus wichtigere Rolle spielt als das Alter.

Abschließend noch eine analoge Frage, Sven: Welche 3 guten Bücher empfiehlst Du denn einer Führungskraft im digitalen Zeitalter?

Da ich nicht mehr viele Bücher lese, ist das eine nicht ganz einfache Frage  🙂 Empfehlen kann ich trotzdem das Buch von Gunther Dueck zum Thema „Schwarmintelligenz“.

Im Zusammenhang mit dem Thema Datenschutz finde ich „The Circle“ von Dave Eggers sehr lesenswert – das ist quasi die Übertragung von George Orwell’s „1984“ auf die heutige Zeit, beziehungsweise noch einmal 20 bis 30 Jahre voraus gedacht.

Eine weitere gute Empfehlung ist das neue Buch „Silicon Germany“ von Christoph Keese, dem Digitalisierungsexperten des Springer Verlags, der es meiner Meinung nach sehr gut schafft, sein digitales Geschäftsmodell in die digitale Welt zu transferieren. Christoph Keese hat diese Transformation maßgeblich mitgestaltet und wird in Deutschland mit seinem Buch sicherlich noch den einen oder anderen Impuls setzen.


Ich hoffe, dass Sie aus dem Gespräch mit Sven Semet den ein oder anderen spannenden Impuls für sich ziehen konnten! Sven Semet erreichen Sie über seinen unten genannten Twitter-Kanal und natürlich freuen wir beide uns über Anregungen und Feedback!


Über Sven Semet

semet

Sven Semet ist HR Thought Leader IBM Watson Talent Solutions bei IBM. Als Experte für Personaltransformations-Projekte berät er Unternehmen zu den Schwerpunkten Talente finden, gewinnen, engagieren und motivieren, weiterzubilden und zu halten. Sven Semet engagiert sich zudem für die Deutsche Gesellschaft für Personalführung DGFP e. V. und ist als Speaker auf zahlreichen Konferenzen aktiv.

Internet: www.ibm.com  |  Twitter: @svensemet

2 Kommentare

  1. Danke für das interessante Interview Ihnen beiden.
    Bei meinem früheren Arbeitgeber Detecon habe ich ein ebenfalls beliebtes „Social Media Buddy Konzept“ eingeführt, das dem unten zitierten sehr nahe kommt. Können uns gerne mal dazu austauschen.

    „…entscheidend, dass die Unter­neh­mensführung nicht nur Projekte initiiert, sondern als gutes Beispiel vorweg geht und sich eine entsprechende digitale Kompetenz aneignet. Als wir vor einigen Jahren unsere digitale Transformation gestartet haben, haben wir Digital Natives als Coaches für unsere Führungskräfte eingesetzt, die unseren Geschäftsführern und Exe­cutives dabei geholfen haben, in der neuen digitalen Welt schnell zurechtzukommen. Un­sere Führungskräfte haben darauf total begeistert reagiert.“

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  2. […] Transform („Talent Deployment“): Hierbei geht es darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass die Arbeitskraft optimal – d. h. effektiv und effizient – eingesetzt werden kann. Dabei spielen neben der Führung und der gezielten Qualifizierung auch die Gestaltung der Anreiz- und Entlohnungssysteme sowie der Einsatz von Technologien eine wichtige Rolle. Ein immer wichtiger werdendes Thema sind in diesem Zusammenhang bspw. Social Collaboration-Tools (weitere Anregungen hierzu finden Sie in meinen Interviews mit Harald Schirmer und Sven Semet). […]

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