„Ich will die Arbeitswelt verändern“ – Interview mit „New Work Award“-Gewinner Sven Franke

Gestern wurde in Berlin auf der XING New Work Experience der New Work Award 2017 verliehen. Sven Franke wurde gemeinsam mit fünf anderen Personen als „New Worker des Jahres“ ausgezeichnet.  Für „The New Worker“ habe ich im Interview mit Sven Franke darüber gesprochen, was „New Work“ für ihn eigentlich bedeutet, welche Rolle die Unternehmenskultur dabei spielt und was er Unternehmen rät, die sich auf den Weg in die neue Arbeitswelt begeben wollen…

Der Begriff „New Work“ ist ja nicht neu — was ist für dich das „Neue“ an New Work?

Da läufst du bei mir offene Türen ein (lacht). Ich sage auch immer: New Work ist erst einmal nichts Neues. Viele Ansätze gab es schon in den 60er Jahren — da wurde es nur anders genannt. Da gab es dann Gruppenarbeit — jetzt sind es selbstorganisierte Teams. Ich glaube, das, was sich geändert hat, sind die Rahmenbedingungen — insbesondere das Thema Schnelligkeit. Jede Epoche hatte ihre Veränderungen. Letztlich hat alles mit der Erfindung des Fließbands angefangen. Organisationen haben sich durch einen Druck des Marktes darauf ausgerichtet, schneller liefern zu können. Im Moment spielt in diesem Zusammenhang natürlich auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Wir merken einfach, dass sich in der Gesellschaft etwas ändert, dass sich auch unser Zeitempfinden verändert. Wenn ich heute ein Buch bestelle, erwarte ich, dass es morgen im Briefkasten ist — und das verstärkt sich immer mehr: Wir legen massiv an Geschwindigkeit zu und Organisationen müssen sich dieser Entwicklung anpassen und gleichzeitig in der Lage sein, drei bis fünf Jahre nach vorne zu schauen. Und ob das Resultat dann New Work heißt, ist für mich erst einmal nicht so wichtig. Was für mich zählt, ist das Thema bekannter zu machen, damit eine möglichst große Vielfalt an Ideen und Ansätzen entsteht.

Wie genau bist du zum Thema New Work gekommen und was ist deine Mission oder Vision?

Seit über 20 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Mitarbeiterbeteiligung, ursprünglich kommend von der finanziellen Seite. Also die Klassiker, wie Aktien, Aktienoptionen aber auch virtuelle Beteiligungsformate. Das habe ich sowohl als Angestellter und Führungskraft in einem Konzern aber auch auf Dienstleisterseite gemacht. Aus dieser Position heraus habe ich dann selbst ein Unternehmen gegründet und im Laufe der 20 Jahre hat man schon gemerkt, dass die Mitarbeiter wesentlich mehr wollen — also zum Beispiel auch eingebunden sein.

Inzwischen bin ich sehr umtriebig in vielen Projekten im Bereich Neue Arbeit oder, besser gesagt, Zusammenarbeitskultur. Denn für mich geht das Thema über die Arbeitswelt hinaus und umfasst zum Beispiel auch die Themen Bildung und Gesellschaft. Mein Ziel hierbei ist: Ich will die Arbeitswelt verändern — hin zu einer Arbeitswelt „auf Augenhöhe“, wo es gelingt, dass jeder Mitarbeiter sein Potenzial entfalten kann. Aufgrund dessen, dass sie immer schneller reagieren müssen, können es sich Organisationen heutzutage nicht mehr leisten, auf das Potenzial jedes einzelnen Mitarbeiters zu verzichten. Die große Herausforderung für Unternehmen ist es daher, Potenziale sichtbar zu machen. Das geht beispielhaft über unterschiedliche Formate, wie z. B. Open Space-Workshops, das geht auch über das Führungsverständnis — das geht aber vor allem über neue Denkweisen, wie z. B. die Frage nach dem „Wir“. Wie wird der „Wir“ Begriff definiert? Ist das das Team, ist das die Abteilung — oder ist das vielleicht die ganze Organisation? Und hier setzt für mich das Thema New Work an — es geht vor allem darum, wie sich Mitarbeiter zum Wohl des Unternehmens einbringen können, um dadurch auch selbst zufriedener zu werden.

Was ist für dich Augenhöhe und welche Rolle spielt Augenhöhe im Zusammenhang mit New Work?

Das Thema Augenhöhe ist, wenn Du so willst, die große Klammer um alle Aktivitäten unserer „Wilde Wolke“-Community. Die heißt bei uns deswegen so, weil wir selbst nicht alle Mitglieder kennen. Spannend zu sehen ist, dass sich daraus inzwischen selbstständig zahlreiche Projekte entwickeln. Was genau Augenhöhe eigentlich ist, haben wir unsere Community während des ersten Crowdfundings für unseren Film „AUGENHÖHE“ auch einmal gefragt. Über Twitter haben wir dabei an einem Wochenende über 160 Rückmeldungen bekommen — und alle waren irgendwie anders — da gibt es folglich ganz verschiedene Sichtweisen. Für uns geht es vor allem darum, wertschätzend miteinander umzugehen — ich glaube, das ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Dabei setzt Augenhöhe für mich vor allem ein gewisses Menschenbild voraus — da verweise ich immer auf Douglas McGregor, der 1960 schon die Theorie X und die Theorie Y beschrieben hat. Theorie X sagt: Der Mensch ist faul, muss zur Arbeit angetrieben werden und belohnt und bestraft werden. Und Theorie Y ist genau die andere Seite der Medaille: Der Mensch möchte einen Wertbeitrag leisten, der Mensch ist kreativ. Interessanterweise hält jeder sich selbst für einen Y-Typ. Und wenn ich in mein Umfeld schaue und mir dir Frage stelle: Wieviel davon sind X? Dann sieht man plötzlich, dass es da eine Differenz gibt. Und wenn ich erstmal glaube, dass mein Mitarbeiter oder Kollege faul ist, werde ich immer Argumente finden, um ihn auch genauso zu behandeln. Wenn ich aber glaube, mein Mitarbeiter ist motiviert und möchte einen Wertbeitrag leisten, dann werde ich auch dafür Argumente finden.

Jeder, der glaubt, er habe Kollegen, die der Theorie X sehr nahe stehen, sollte sich fragen: Was machen diese eigentlich außerhalb des Arbeitsumfeldes? Derselbe Mitarbeiter geht abends nach Hause und engagiert sich plötzlich zum Beispiel in der Feuerwehr oder im Sportverein — und übernimmt sogar Führungsverantwortung.

Warum glauben wir trotzdem an die Theorie X? Weil wir häufig vom Verhalten des anderen auf seine Persönlichkeit schließen — und das ich nicht nur falsch, sondern auch fatal. Deswegen setzt New Work für mich genau dort an, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Welche Rolle spielt auch die Unternehmenskultur in diesem Zusammenhang?

Eine große Rolle — vielleicht sogar die entscheidende. Denn die Kultur ist in einem Unternehmen immer spürbar, das kennt jeder von uns. Man kommt neu in eine Organisation und es fängt schon am Empfang an — man spürt irgendwie etwas. Kultur ist für mich alles das, was zwischen Menschen in der Organisation passiert. Das bedeutet für mich auch, dass die Kultur auch nur innerhalb der Organisation und auch nur durch die Menschen in der Organisation verändert werden kann. Kein Berater kann die Kultur einer Organisation verändern. Deshalb sagen wir von CO:X unseren Kunden: „Wir werden Eure Kultur nicht verändern — Ihr müsst es selber machen!“ Dennoch sind die Veränderungen, bei denen wir Unternehmen begleiten, kein Selbstzweck, sondern immer marktgetrieben. Teilweise ist es nur ein vages Bauchgefühl, das noch gar nicht konkret an irgendetwas festgemacht werden kann. Teilweise sind die Unternehmen sogar sehr erfolgreich — zumindest, was die Zahlen angeht. Aber die Ersten haben das Gefühl, in drei bis fünf Jahren könnte dies anders sein, obwohl sie es heute noch gar nicht greifen können.

Das ist genau die Frage, die sich Organisationen stellen sollten: „Werde ich in drei bis fünf Jahren noch so erfolgreich sein?“ Wenn ich die mit Ja beantworten kann, brauche ich nichts ändern. Dann ist auch der Handlungsdruck nicht groß genug, um etwas zu verändern. Wenn ich aber daran Zweifel habe, sollte ich etwas tun. Es gibt ja auch viele Beispiele, wo Unternehmen, wie zum Beispiel „Quelle“, einfach zu spät den Wandel des Marktes erkannt haben. Momentan geht es einfach um das Thema Geschwindigkeit und die Frage, wie schnell sich eine Organisation an Märkte anpassen oder sie sogar mit entwickeln kann. Und da spielt die Kultur aus meiner Erfahrung einfach eine zentrale Rolle.

Was würdest du Unternehmen raten, die sich in Richtung New Work entwickeln wollen?

Zuerst einmal gilt — es gibt in der heutigen Arbeitswelt keine Blaupausen mehr. Auch im Rahmen des New Work Awards, der ja jetzt gerade verliehen wurde, haben wir alle Nominierten angeschrieben und gefragt: „Was würdet Ihr Unternehmen raten, die sich auf den Weg machen wollen?“ Da kamen 24 unterschiedliche Antworten zurück… Das zeigt: Jeder muss seinen Weg finden — und jeder kann damit morgen anfangen. Also ich kann morgen mit meinem Kollegen anders umgehen. Da brauche ich nicht darauf zu warten, dass das „von oben“ kommt.

Inzwischen arbeiten wir in Organisationen viel mit Teams von Freiwilligen, weil wir festgestellt haben: In den Unternehmen sitzen viele motivierte Mitarbeiter in den Startlöchern. Wir treffen auch extrem viele Mitarbeiter, die sagen: Ich gehe gerne zur Arbeit und möchte hier meinen Wertbeitrag leisten. Diese Teams arbeiten dann hierarchieübergreifend — das muss man als Organisation aber auch zulassen können. Es bietet den großen Vorteil, dass sofort neue Netzwerke entstehen. Das ist immens wichtig, denn wenn die Organisation schneller werden muss, spielt natürlich die Kommunikation untereinander eine zentrale Rolle. Der zweite Punkt besteht darin, Experimente zu starten. Solche Experimente sind echte Experimente und können natürlich auch sterben, wenn sie zum Beispiel vom Immunsystem der Organisation abgestoßen werden, weil sie vielleicht zu weitreichend waren. Wichtig hierbei ist, dass auch ein gescheitertes Projekt seine Wirkung hat, weil es Dinge sichtbar macht. Gerade bei den Experimenten ist jedoch eine gute Mischung wichtig. Es gibt kleine Experimente, wo man weiß: Die werden sehr schnell sehr erfolgreich sein und es gibt Experimente, die sich nur langfristig entwickeln und eine Wirkung entfalten können. Es geht darum, hier eine gute Mischung zu finden und ein Bauchgefühl dafür zu entwickeln, was die Organisation vertragen kann und wo sie überfordert ist.

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Über Sven Franke

franke2.PNGSven Franke ist Gründer von equity Change Management und CO:X. Mit seinem Unternehmen CO:X will er Unternehmen dabei begleiten, alle in der Prozesskette vorhandenen Potentiale und Talente einzubinden. Zudem ist Sven Mitinitiator und Mitglied des Kernteams von AUGENHÖHE -Film und Dialog und AUGENHÖHEwege -Film und Dialog. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der AUGENHÖHEworks GmbH. Als Vorstand des Vereins AUGENHÖHEcommunity e.V. setzt er sich für die Verbreitung einer neuen Zusammenarbeitskultur auf Augenhöhe ein.

Homepage: www.coplusx.de |  Twitter: @SvenFranke


Zuerst erschienen auf The New Worker | Quelle des Artikelbilds: http://www.coplusx.de

ein Kommentar

  1. […] führt Sven Franke diese Punkte auch in unserem Interview für „The New Worker“ […]

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