„Kreativität entsteht im Zwischenraum“ – Interview mit Michael O. Schmutzer von Design Offices

Derzeit erleben wir die radikalste Veränderung der Arbeitswelt seit der industriellen Revolution. Mehr und mehr Großunternehmen wie auch Mittelständler erkennen inzwischen, wie wichtig es ist, die eigenen begrenzten Möglichkeiten ihrer Arbeitsräume zu überwinden und flexibel auf inspirierende Umgebungen zurückgreifen zu können. Hier setzt das Unternehmen Design Offices an, das sich als „Heimat für eine neue Arbeitskultur versteht“. Mit dem Gründer und CEO Michael O. Schmutzer, der zudem auch Verfasser eines Coworking-Manifests ist, habe ich über seine Vorstellung der neuen Arbeitswelt gesprochen.

Herr Schmutzer, was bedeutet für Sie New Work?

Für mich wird New Work vor allem durch drei Themen beeinflusst: die digitale Transformation, die neue Sharing-Ökonomie und den demographischen Strukturwandel unserer Gesellschaft. Das sind für mich als jemanden, der für Kunden flexible Arbeitswelten entwickelt und zur Verfügung stellt, zugleich auch die wesentlichen Treiber für unsere Dienstleistungen. Momentan sind wir ein Serviced Office-Anbieter. Aber wir entwickeln uns zur Plattform für neues Arbeiten in Deutschland und der DACH-Region. Dabei geht es für uns nicht nur darum, einzelne Schreibtische und Arbeitsplätze oder schnelles Internet und eine gute IT-Security anzubieten. Für uns zählt ein ganzheitliches Verständnis von New Work. Immer mehr Menschen sehnen sich im Arbeitsalltag nach Orten der Geborgenheit. Daher ist für mich die spannende Frage, wie wir solche Orte schaffen können. New Work bedeutet in erster Linie, Menschen in dieser agilen Arbeitswelt zu unterstützen und Ihnen einen Ort zum selbstbestimmten Arbeiten zu bieten.

Wie schätzen Sie den Stellenwert von New Work in deutschen Unternehmen ein?

Ich glaube, das beginnt jetzt erst richtig. “Neues Arbeiten” gab es ja schon immer, denn auch in der Industrialisierung hat sich Arbeiten ja verändert. Nur jetzt kommen wir aus der industriellen Arbeit in die Wissensarbeit. Die Automotive-Branche zum Beispiel wird sich in den nächsten fünf Jahren stärker verändern als in den letzten hundert Jahren. Das macht vielen Menschen Angst. Bisher war New Work oft nur ein Buzzword dafür, dass die Arbeit irgendwie anders wird. Wir merken jedoch gerade in den letzten zwölf Monaten, dass wir technologisch nochmal einen deutlichen Sprung gemacht haben. Durch diese Veränderungen gibt es auch einen immer größeren Bedarf, anders zu arbeiten. Außerdem glaube ich, dass vieles, was heute schon möglich ist und von vielen als Standard empfunden wird, noch lange kein Standard ist. Ich kenne große Industrieunternehmen, die mir voller Stolz sagen: “Bei uns darf man jetzt auch Home Office machen, aber nur, wenn der Mitarbeiter drei Tage vorher beim Chef einen schriftlichen Antrag stellt.” Das ist nicht New Work! Und es gibt andere Unternehmen, bei denen darfst du am Wochenende nicht ins Büro kommen. Bezüglich des Strukturwandels in unserer Gesellschaft wird ja häufig gesagt: “Das betrifft ja nur die Generation Y, das wollen ja nur die Jungen!” — und das ist eben falsch. Modernes Arbeiten in einem Coworking Space machen auch längst nicht nur Start-ups.


2025 werden 30 Prozent der Office-Flächen flexibel sein


Wir müssen uns heute also aufgrund dieser drei erwähnten Trends der Herausforderung stellen, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten arbeiten wollen. Wenn es technologisch möglich ist, warum sollte ich es dann nicht tun? Dass ich am Samstag arbeite, bedeutet ja nicht, dass ich noch mehr arbeite. Sondern es heißt, dass ich vielleicht am Donnerstag Nachmittag zum Yoga gehe und am Freitag am Projekt arbeite und die klassische Verwaltungsarbeit am Samstag mache, wenn es regnet. Und da fängt es jetzt erst an… Eine Studie sagt zum Beispiel, dass im Jahr 2020 vierzig Prozent der Arbeit Projektarbeit sein wird. Das ist eine rasante Entwicklung, die wir uns heute kaum vorstellen können. Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2025 dreißig Prozent aller Corporate Office-Flächen flexibel sein werden. Daran sieht man, welche Dimension New Work noch bekommen wird.

 

Was sind in diesem Zusammenhang die Vision und Mission von Design Offices?

Unsere Vision ist es, der führende Anbieter von flexiblen Arbeitswelten und -lösungen in der DACH-Region zu werden und unsere Projekte langfristig auch europaweit mit unseren Kunden umsetzen. Wir wollen für die Arbeitskultur „Made in Germany“ stehen. Gerade weil wir in Deutschland in vielen technologischen Bereichen führend sind, ist es für uns spannend, dies auch durch analoge New Work-Ansätze zu einem integrierten Konzept zu ergänzen.

Unsere Mission ist es dabei, Arbeitswelten für unsere Kunden zu schaffen, die eine ganzheitliche Betrachtung erlauben. Mit unserem Ansatz schaffen wir Raum für fokussiertes Arbeiten sowie für Collaboration, Education und Socializing.

An welchen konkreten Facetten von New Work setzen Sie mit Design Offices an und wie sehen Sie Ihre Rolle in der zukünftigen Arbeitswelt?

Wir sind der größte Corporate-Coworking-Anbieter in Deutschland mit derzeit 13 Stand­orten in 9 Städten und über 2.000 Menschen, die täglich bei uns arbeiten sowie ca. 800 Tagungsgästen, die bei uns ihre Meetings durchführen. Unsere klassischen Nutzer sind die Industrie und der Mittelstand. Aus diesen Kundengruppen haben wir extrem viele Projektteams. Diese kommen zum Beispiel auch aus etabliertes Unternehmen, die mal etwas Neues ausprobieren möchten. Und da liegt das wirtschaftliche Potenzial der digitalen Transformation: Wenn ich mein Unternehmen an die Anforderungen der neuen Arbeitswelt anpassen muss, brauche ich hierfür einen dritten Ort, an dem diese Disruption erst möglich wird. Denn es ist oft schwer, sich als Unternehmen in den eigenen Wänden neu zu denken. Wir haben aber nicht nur große Unternehmen, sondern auch Start-ups bei uns. Von den Start-ups, die eine gewisse Professionalität erreichen, haben wir zum Beispiel gelernt, dass die auch Bereiche haben wollen, wo sie für sich sind oder dass auch die Security ein ganz großes Thema ist — sei es bezogen auf die IT, aber auch auf die Zugangssysteme. Unsere Kunden wollen 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche arbeiten können. Interessanterweise kommen unsere größten Kunden auch aus den Industrien, wo derzeit die größten Veränderungen notwendig sind. Das sind vor allem die Automobil-, Finanz- und Energiebranche. Außerdem arbeiten wir sehr stark mit Telekommunikationsunternehmen oder Agenturen, die sagen: “Wir wissen noch gar nicht, wie viele Mitarbeiter wir in zwei Jahren haben und in welcher Stadt unsere Projekte sein werden…” Vom Sessel in der Lounge über einen Stammtisch in der Coworking-Lobby bis hin zum eigenen Tisch in der Coworking-Zone, dem eigenen Büro, der eigenen Projektfläche oder auch der eigenen Etage realisieren wir für unsere Kunden daher sehr unterschiedliche und individuelle Lösungen.

 

Also spielt die Individualisierung in der Arbeitswelt von morgen eine große Rolle?

Ganz genau. New Work bedeutet für uns deshalb gerade nicht, einen Open Space für alle zu schaffen. Gerade zum Beispiel Mitarbeiter aus der Buchhaltung arbeiten zu 90 Prozent fokussiert und brauchen dafür kleine Räume, die konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Es gibt aber auch Menschen, die vielleicht 80 Prozent in Projektteams arbeiten. Auch wenn wir über Education reden, ist es nicht nur die klassische Wissensvermittlung, sondern es geht auch um die Entwicklung von Mitarbeitern in neue Arbeitsmethoden hinein sowie die Entwicklung der Teams selbst. Das was wir in der Produktion schon vor vielen Jahren entwickelt haben — nämlich die perfekte Steuerung einer Firma über Technologie — findet zum Beispiel in der Verwaltung oftmals noch nicht statt. Da es aber auch in diesen Bereichen inzwischen nicht mehr nur linear ablaufende Prozesse gibt, müssen wir auch hier ansetzen, zumal hier immer stärker auch neue Methoden wie Scrum oder Design Thinking genutzt werden. Und wir ermöglichen es den Menschen, jetzt auch in der digitalen Transformation, qualitativ hochwertige Orte zum Arbeiten und zur Entschleunigung zu haben.

Aus unserer Erfahrung sind dafür jedoch integrierte Konzepte notwendig. Es geht nicht mehr nur um die Frage: Home Office — ja oder nein? Das Home Office ist immer nur eine Ergänzung. Die Arbeitslandschaft hört daher für uns nicht im eigenen Büro auf, sondern geht im Kopf weiter. Jeder Mensch hat ganz unterschiedliche Ansprüche an seine persönliche Arbeitsgestaltung. Manche arbeiten gern im Café, andere lieber an einer Werkbank, manche lieber am Morgen, andere wiederum am Abend. Durch die Technologie kann man jetzt vieles zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten machen. Der erste Satz des Manifests, das ich zum Thema Coworking geschrieben habe, lautet: Arbeit ist selbstbestimmt! Ich bestimme selbst, wie ich arbeiten möchte — für welchen Arbeitgeber, in welcher Arbeitsumgebung. Deswegen glaube ich, dass es eine große Herausforderung sein wird, in einer immer mobileren Welt, in der die Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend miteinander verfließen, für uns selbst auch die Entschleunigung zu finden.


Kreativität entsteht im Zwischenraum


Wie kann aus Ihrer Sicht gelingen, die Themen Technologie, Kultur und Arbeitsumfeld erfolgreich zu einem „Workplace of the Future“ zusammen zu führen?

Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass wir unter Arbeiten zukünftig mehr verstehen als nur eine Office-Lösung. Daher beschäftigen wir uns bei Design Offices sehr stark damit, was New Work konkret für uns und unsere Kunden bedeutet. Dazu gehören auch die Themen Mobility und Health. Und wenn wir uns als Plattform für die Zukunft der Arbeit verstehen, dann gehört zum Beispiel beim Thema Health auch die gesunde Ernährung über den Tag oder die Möglichkeit, mit dem Fahrrad ins Büro zu kommen, dazu. Wichtig ist für uns auch das Thema Diversity — wir haben an einem Standort nicht nur Automotive oder nur Großunternehmen. Unsere Kunden schätzen es sehr, dass wir eine Vielfalt an Kunden haben und so Austausch ermöglichen. Dazu gehört, dass ich zum Beispiel in der Küche durch Zufall mit jemandem ins Gespräch komme, der mich wieder auf eine neue Idee bringt… Und deswegen schaffen wir hierfür Flächen und Nischen, weil wir eben gelernt haben: Kreativität entsteht im Zwischenraum. Deswegen gibt es bei uns viele Bereiche, die vielleicht eher aussehen wie eine Bibliothek oder ein Kaminzimmer und Möglichkeiten für zufällige Begegnungen bieten — für mehr Kreativität und neue Ideen.

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Über Michael O. Schmutzer

schmutzer3Die ersten Sporen verdiente sich der Pionier der neuen Arbeitswelt bei zukunftweisenden Immobilienprojekten in ganz Deutschland. Federführend war er bei der Firma Centacon für die Entwicklung von Produktimmobilien und kompletten Quartierssiedlungen verantwortlich. 2008 gründete Michael O. Schmutzer Design Offices. Mit einem visionären Konzept und einer richtungweisenden Architektur ist Design Offices heute eine wichtige Plattform für das Thema New Work und die Gestaltung von neuen Arbeitswelten in Deutschland

Homepage: www.designoffices.de


Zuerst erschienen auf The New Worker | Quelle des Artikelbilds: Michael O. Schmutzer

2 Kommentare

  1. […] Großkonzerne wie Microsoft und Telefónica (o2) als auch besonders innovative Locations wie die Design Offices oder den Impact Hub und das Münchener Technologiezentrum. Dadurch erreichen wir eine Vielzahl an […]

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  2. Norbert Bühler · · Antwort

    2025 werden 30% der Office Flächen flexibel sen -> das nenne ich mal ein Statement! Das zeigt uns doch, wohin der Trend eindeutig geht. Ich selbst habe erst vor einer Weile von der innovativen Bürolösungsvariante erfahren. Seitdem bin ich großer Fan der Collection Business Center https://www.ubc-collection.com/ – Diese sind ganz ähnlich wie die oben beschriebenen Design Offices und in verschiedenen Städten Deutschlands vertreten. Ich finds einfach grandios muss ich zugeben. Es lässt einen soviel produktiver arbeiten als im Home Office.

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