“Wir müssen schneller ins Handeln kommen!“ – Interview mit Prof. Dr. Jutta Rump

Innovationsfähigkeit und Arbeitgeberattraktivität sind gerade in Zeiten der Digitalisierung zwei entscheidende Wettbewerbsfaktoren für Unternehmen. Diese zu fördern ist ein wichtiges Ziel der INQA (Initiative Neue Qualität der Arbeit) der Bundesregierung. Mit Themenbotschafterin Prof. Dr. Jutta Rump habe ich am Rande der „Zukunft Personal“ in Köln darüber gesprochen, wie gerade kleine und mittelständische Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung aktiv und gut gerüstet begegnen können.

Frau Prof. Rump, Sie sind INQA-Themenbotschafterin für Chancengleichheit und Diversity. Was genau ist die INQA-Initiative? 

INQA steht für „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ und ist eine Initiative bzw. ein Programm des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und auch der Bundesregierung. Es geht darum, gerade klein- und mittelständischen Unternehmen Instrumente an die Hand zu geben, um für die Zukunft der Arbeit gerüstet zu sein und in der Arbeitswelt von morgen auch weiterhin einen guten Job machen zu können.

Können Sie hierfür einmal beispielhafte Konzepte nennen? 

Die INQA ist in 4 Säulen gegliedert: Führung, Diversität/Vielfalt, Gesundheit sowie Kompetenz und Wissen. Und in diesen 4 Säulen gibt es ganz unterschiedliche Instrumente. Im Bereich Gesundheit gibt es beispielsweise psyGA („Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“). Das ist ein Instrument, das dabei hilft, psychische Erkrankungen zu erkennen – sowohl als Unternehmen als auch als Betroffener selbst – und als Führungskraft damit umzugehen. Im Bereich der Führung bieten wir eine Toolbox und eine Software im Bereich der strategischen Personalplanung, mit der kleine und mittelständische Unternehmen diesen Prozess ganz einfach selbst durchführen können. Darüber hinaus bieten wir eine Vielzahl an Checks, mit denen Unternehmen feststellen können, wie sie in Bezug auf zukunftsfähige Führung aufgestellt sind. Das geht vom Umgang mit Vielfalt bis hin zum Reifegrad der Personalentwicklung.

Welche Unternehmen setzen diese Instrumente denn ein?

Alle INQA-Projekte sind Projekte mit und für Unternehmen. Es gibt kein Projekt, das an Produkten oder Leistungen arbeitet, ohne dass dabei Unternehmen beteiligt sind. Wir haben eine ganze Reihe von kleinen und mittelständischen Unternehmen dabei, wie z. B. die Zahnen GmbH, ein mittelständisches Unternehmen aus dem Bereich der Abwasserindustrie. Mit der Zahnen GmbH führen wir bereits das zweite Projekt durch, nachdem sie bereits das Tool zur Strategischen Personalplanung erfolgreich eingesetzt haben. Ebenso arbeiten wir jedoch auch mit Stadtverwaltungen oder Finanzämtern zusammen – ebenso wie mit großen Industrieunternehmen sowie Banken und Versicherungen. Unsere Zielgruppe sind zwar kleine und mittelständische Unternehmen – das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass unsere Projektpartner immer nur aus diesem Bereich kommen. Wir wollen bei unseren Projekten immer auch die gesamte Vielfalt der Branchen und Unternehmensgrößen abbilden, die unsere Volkswirtschaft ausmachen.

Gerade die Zahnen GmbH beschäftigt sich ja sehr stark mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf das eigene Geschäftsmodell. Wie schätzen Sie dem Stand deutscher Unternehmen beim Thema Digitalisierung ein?

Bei dieser Frage scheiden sich ja häufig die Geister. Das Thema ist nicht leicht zu beurteilen, denn die Herangehensweise der deutschen Wirtschaft in Bezug auf Digitalisierung unterscheidet sich schon sehr stark von der amerikanischen. Die Amerikaner sind sehr stark im Bereich Software unterwegs und da ist die Implementierung teilweise Trial and Error – die probieren es einfach aus. Die deutsche Volkswirtschaft hingegen ist sehr prozessorientiert. Wir neigen dazu, eher den gesamten Prozess zu betrachten und zu analysieren. Das führt dazu, dass wir häufig erst ins Handeln kommen, wenn wir uns ganz sicher sind. Das sind zwei sehr unterschiedliche Ansätze – und ich vermag gar nicht zu beurteilen, welcher der bessere ist. Ich glaube jedoch, dass es mittlerweile mehr und mehr Unternehmen gibt, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Ich beobachte allerdings, dass wir die Digitalisierung derzeit sehr stark im technischen Bereich diskutieren. Zum Teil reden wir auch bereits über Geschäftsmodelle und denken über die Auswirkungen auf die Prozesse nach. Außerdem führen wir auch die Strukturdiskussion und reden z. B. über agile Organisationsformen. Was wir noch ganz wenig machen, ist die Konsequenzen der Digitalisierung für das System Arbeit zu beleuchten. Da stellen sich Fragen wie: Was heißt das für die Mitarbeiter – wie sieht z. B. der Arbeitsplatz der Zukunft aus? Welche Auswirkungen hat das für die Ausbildung? Wie sieht Führung in Zukunft aus? Wir machen uns bislang wenig Gedanken über die Konsequenzen jenseits der Technik – hier haben wir aus meiner Sicht noch Nachholbedarf.

Sie arbeiten sehr eng mit der Politik zusammen, z. B. im Rahmen des Weißbuchs zum Thema „Arbeiten 4.0“. Was sind aus Ihrer Sicht – auch vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen – die größten Handlungsfelder?

Die Themen Digitalisierung und Arbeiten 4.0 führen zu einem massiven Wandel der Arbeitswelt. Arbeitsplätze und Prozesse verändern sich – und die größte Herausforderung wird sein, dass wir uns klar darüber werden, welche Beschäftigungseffekte damit verbunden sind. Darüber müssen wir so früh wie möglich eine offene Diskussion führen. Es gibt zum einen qualitative Effekte, das sind die Anforderungen an die Beschäftigten – aber es wird auch quantitative Effekte geben. Es werden neue Branchen und Felder entstehen, weil die Digitalisierung uns auch Zeit schenkt, weil einige Tätigkeiten zukünftig durch Algorithmen oder Roboter übernommen werden. Und diese Zeit müssen wir natürlich gut investieren – hier werden neue Tätigkeitsfelder entstehen.

Es bedeutet aber auch, dass der Mensch an einigen Stellen durch Technik ersetzt wird. Das wird überall dort der Fall sein, wo wir manuelle oder kognitive Routinetätigkeiten haben – auch in komplexen Zusammenhängen. Wir müssen uns fragen, welche Perspektiven wir für Mitarbeiter schaffen können, die seit 20 Jahren einen super Job in der Produktion machen und nun durch einen Roboter ersetzt werden könnten. Oder was kann ich für die Sachbearbeiterin im Controlling tun, deren Arbeit zukünftig ein Algorithmus übernehmen kann? Hier müssen wir Klarheit schaffen, welche Perspektiven Unternehmen ihren Mitarbeitern zukünftig bieten können und welche Qualifikationsanforderungen hierfür notwendig sind.

Wie schätzen Sie hier die Rolle und Mitverantwortung der Mitarbeiter ein?

Wir sind nicht mehr in einer Arbeitswelt, in der wir einen reinen Austausch von Entgelt gegen Arbeitsleistung haben und in der der Arbeitgeber darauf achten muss, dass der Mitarbeiter immer beschäftigt ist. Stattdessen leben wir in einer Arbeitswelt, in der jeder von uns Eigenverantwortung trägt. Natürlich sollte ich mir als Mitarbeiter nach Möglichkeit einen Arbeitgeber aussuchen, der mit mir an meiner Beschäftigungsfähigkeit arbeitet. Diese „Employability“ ist für Arbeitnehmer heute der einzig verlässliche Sicherungsanker. Und da gilt es für jeden, auch in Eigenverantwortung darauf zu achten, dass dieser persönliche Vermögenswert erhalten bleibt.


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Über Prof. Dr. Jutta Rump

rump

INQA-Themenbotschafterin Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen. An der Ludwig-Maximilians Universität München LMU lehrt sie im Executive Master-Studiengang Human Resource Management. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE). Seit 2007 gehört sie zu den „40 führenden Köpfen des Personalwesens“ (Personalmagazin) und zu den 7 wichtigsten Professoren für Personalmanagement im deutschsprachigen Raum.

Homepage: www.ibe-ludwigshafen.de |  Twitter: @ibeludwigshafen


Quelle des Artikelbilds: Kolja Matzke Fotografie für www.inqa.de

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