„Programmieren fördert Digitalisierung und Integration“ – Interview mit Alex Hartveld

Die Flüchtlingskrise war eines der bestimmenden Themen in 2017. Bislang wurden nur wenige nachhaltige Lösungen zur erfolgreichen Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt gefunden. Gleichzeitig beklagen Unternehmen einen Mangel an qualifizierten Talenten im IT- und Software-Bereich. Hier setzt das österreichische Start-up refugees{code} an, dass Geflüchteten durch Programmierkurse und begleitende Praktika eine neue Chance fernab ihrer Heimat eröffnet. Ein tolles Beispiel, wie Digitalisierung und Integration Hand in Hand gehen können, das zurecht beim HR Inside Summit in der Wieder Hofburg mit dem HR Award in Gold ausgezeichnet wurde.

Alex, Du bist Mitgründer von refugees{code} – was genau ist die Idee hinter Eurem Projekt?

Refugees{code} ist eine Programmierschule für Geflüchtete, denen wir mit unserem Programm in neun Monaten zu einem Job verhelfen wollen. Unser Programm besteht aus ausgewählten Online-Kursen und einer 3-monatigen Praktikumsphase.

Wie seid Ihr auf die Idee zu refugees{code} gekommen?

Überall ist die Wahrnehmung, dass es gerade im Bereich der Programmierer und IT-Talente einen großen Fachkräftemangel gibt. Auf vielen Jobbörsen sind z. B. tausende Stellen für Programmierer ausgeschrieben. Gleichzeitig gibt es viele talentierte junge Menschen, die nach Österreich gekommen sind und hier ein neues Leben anfangen wollen. Da lag für uns die Idee nah, diese beiden Entwicklungen zu kombinieren. In der heutigen Zeit sind zudem viele qualitativ hochwertige Ressourcen, wie z. B. Kursangebote, frei verfügbar. Diese zu nutzen und mit neuen Technologien zusammenzubringen, erlaubt es uns, mit relativ geringen Kosten eine innovative und soziale Programmierschule aufzubauen.

Was war Deine persönliche Motivation, das Projekt mit zu starten?

Ich glaube die Schnittmenge zwischen den Bereichen Technologie, Innovation und Bildung ist eine sehr zukunftweisende. Heute ist vieles möglich, was vor zehn Jahren noch unrealistisch schien. Diese Chancen zu nutzen und in einem sozialen Projekt zusammenzubringen ist für mich persönlich eine tolle Herausforderung, da wir mit unserem Projekt vielen Menschen eine neue Perspektive geben können.

Wie sieht denn der Prozess aus, mit dem ihr Kandidaten für das Programm findet?

Ca. 30 Prozent der Bewerbungen erreichen uns über Facebook. Zukünftig wollen wir dort z. B. auch gezielte Anzeigen für Frauen schalten, da diese Zielgruppe bislang noch eher unterrepräsentiert ist und wir gerne noch mehr Möglichkeiten für weibliche Kandidaten schaffen möchten. Viele Bewerbungen erreichen uns zudem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Außerdem nutzen wir intensiv die Netzwerke von Hilfsorganisationen, die auf Basis unseres „Call for Applicants“ gezielt mögliche Kandidaten ansprechen.

Für welche Unternehmen ist Euer Programm denn besonders interessant?

Unsere Zielgruppe sind einerseits Start-ups, die gerade eine Finanzierung bekommen haben oder auch etablierte größere Unternehmen, die unsere Teilnehmer in bestehende Teams integrieren können. Das ist eine Win-win-Situation: Unsere Teilnehmer lernen in konkreten Projekten und werden unmittelbar am Arbeitsplatz integriert. Auf der anderen Seite bekommen die Unternehmen Talente mit wertvollen Fähigkeiten, die sie durch ihr normales Recruiting vielleicht nicht erreicht hätten.

Welche konkreten Aktivitäten gehören zu Eurem Programm?

refugees_code_TNUnser Curriculum hat unterschiedliche Bestandteile. Zum einen wollen wir den Teilnehmern Einblicke in das „echte Leben“ eines Programmierers gewähren. Hierfür laden wir Professionals aus Unternehmen ein, z. B. zwei Entwickler von GitHub, die einen Workshop anbieten. Zudem bieten wir Trainings zu agilen Methoden an, sodass die Teilnehmer diese von Anfang an erlernen können.

Ein weiteres Event ist unser Hackathon, bei dem wir unsere Teilnehmer mit Studierenden und professionelle Entwicklern zusammen bringen. Dort arbeiten alle gemeinsam an Challenges und entwickeln innerhalb von 24 Stunden konkrete Lösungen. Was dort passiert ist, war für mich unglaublich zu erleben. Neben der Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Lernen entstehen dort auch Freundschaften. Der Programmiercode ist daher ein verbindendes Element, dass Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zusammenführt.

Was sind Eure Pläne, um das Programm noch weiter auszubauen?

Wir glauben, dass unsere innovative Programmierschule nicht nur für Geflüchtete interessant ist. Bisher ist unser Angebot in Österreich recht einzigartig. Daher planen wir zukünftig auch gemeinsame Kurse von Geflüchteten und Österreichern. So können wir die Integration bereits im Lernprozess beginnen lassen. Wir starten jetzt auch ein erstes Programm mit 25 Teilnehmern, von denen fünf Österreicher sind, die an ihrer Hochschule keinen Einführungskurs ins Programmieren finden konnten. Dadurch, dass dann Österreicher und Geflüchtete gemeinsam Programmieren lernen, leisten wir gleichzeitig einen Beitrag zur Digitalisierung und zur Integration.


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Über Alexander Hartveld

hartveldAls Student an 5 Universitäten auf drei Kontinenten, hat Alexander Hartveld schon einige Bildungssysteme kennengelernt und das große Potenzial für neue Lernmethoden im 21. Jahrhundert erkannt. An der Universität Amsterdam wurde der Harvard Programmier Kurs CS50 nach dem Flipped Classroom Prinzip unterrichtet, und mit diesem Wissen entwickelt er mit Lingophant eine neue Sprachlernmethode, basierend auf einer App als Tool. Mit refugees{code} hat das Gründerteam um Alexander Hartveld den HR Award Newcomer des Jahres 2017 gewonnen.

Homepage: www.refugeescode.at |  Twitter: @alexhartveld


Quelle des Artikelbilds: privat

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